Piratensender und das Radio / Fernseh-Monopol

alles kalter Kaffee, werden einige sagen. Dass es aber heute private Radio- und TV-Stationen gibt, ist
einem langen 'Kampf' von verschiedenen Piraten-Radiostationen in der Schweiz zu verdanken.

43 Jahre sind schon vergangen, seit meinen Aktivitäten um das Aargauer Piraten-Radio namens 'Jamaika'
mit welchem wir regelmässig am Sonntagabend ab verschiedenen Standorten unser vorbereitetes Programm
ab Tonbandkassette sendeten. Unser Sender, damals einzigartig in der Scene, quartzstabilisiert und in Stereo.

 

Was damals im staatlichen Radio Seltenheitswert hatte, haben wir jung und frech umgesetzt. Wir haben den
Zuhörern über das angeschlossene Mikrofon die Nummer einer Telefonkabine live durchgegeben. Da war
einer vom Team vor Ort und nahm die Wunschsongs und Grüsse entgegen, die wir dann in die Sendung vom
kommenden Sonntag einbauten.

 

Wir haben alles daran gesetzt, nicht wirklich nach Piraten zu tönen, sondern gleich zu Anfang mit Qualität zu
überraschen. Es war unser Ziel aufzuzeigen, dass auch mit kleinstem Budget private Radiostationen möglich
sein könnten, sodenn die Politik dies irgendwann mal später checken würde.

 

Wir waren gut organisiert. Ein Team nahm den beschwerlichen Weg mit dem Sender, der Autobatterie, der
Antenne, dem Mikro und dem Kassettengerät unter die Füsse, meist auf eine geeignete Anhöhe. Da ging
es ab und zu hektisch zu und her, ging es doch darum, bei 'Gefahr' immer auch wieder rechtzeitig verschwin-
den zu können.

 

dabei hatte die 'Umsicht' erste Priorität. Unterstützt wurde das Sende-Team von weiteren Helfern mit der
Aufgabe, die Zufahrtswege zum Sender nach PTT-Peilwagen und Polizeifahrzeugen zu überwachen. Bei
'Gefahr' wurde das Team um den Sender mit Funkgeräten gewarnt, was je nach aktueller Lage gelegentlich
zum Unterbruch der Sendung führte.

 

Es war ein richtiges Game für Katz und Maus, oft Sonntage in Frieden und ohne 'Belästigung', dann wieder
Sonntage, die dann auch mal wieder in Schnell-Lauf und sportlichen Höchstleistungen endete. Dabei gingen
schon mal diverse Auto-Batterien ins gegenerische Lager über, sie waren einfach zu schwer. Den Sender und
die Antenne, erwischten sie nie.

 

Wir hatten oftmals viel Unterstützung durch Symphatisanten, auch die Presse berichtete von unserem Trei-
ben. Selbst beteiligte Polizisten, die ja nur zur Sicherung der damaligen PTT-Untersuchungsorgane aufgebo-
ten wurden, schmunzelten über dieses Spiel. Wir wurden auf den Polizeiposten immer freundlich behandelt,
obwohl auch schon mal Montagmorgens um fünf wurde, bis der PTT-Beamte schläfrig wurde.

Ganze Pressemappe mit PDF

 

Trotzdem haben wir immer wieder weitergemacht, Sonntag für Sonntag, ob Regen oder Sturm, Radio Jamaika war ab 20.00
Uhr im Aether, präsent, um das Staats-Monopol anzuknacken, vorsätzlich und bewusst. Es gab daraus aber auch eine tolle
Gruppendynamik, wir konnten immer auf genügend Helfer, Überwacher und Springer zählen. Ein tolles Erlebnis, wie es heute
viele nicht mehr kennen.

Dass dieses Spiel nicht immer zu unseren Gunsten enden konnte, war uns auch klar. Wir hatten im Team auch Weichware,
die bei der kleinsten Befragung dann wirklich weich wurden und zu plappern begannen. Wer, Wie, Wo, Was - und schon zog
sich der Kreis zugunsten der 'Fahnder' zu. Wer sich interessiert, darf ruhig mal in den Akten stöbern - und auch schmunzeln,
was damals noch Sache war.

Schlussprotokoll detailiert mit PDF

 

Gegen die Strafverfügung haben wir regelmässig Berufung eingelegt, um die Urteile der Untersuchenden und Verfügenden
Behörde (PTT) in Personalunion durch ein Zivilgericht beurteilen zu lassen. Dies hat dann regelmässig zu grösseren Korrekturen
zu unseren Gunsten geführt. Heute kann man nur noch den Kopf schütteln, was war damals technisch anders als heute?

Auszug aus der Strafverfügung:

Strafverfügung mit PDF

 

da hatten sich noch die Gerichte mit Radio Jamaika zu befassen, wir waren mit den Strafzumessungen der Pöstler und der
Staatsanwaltschaft gerade überhaupt nicht einverstanden. Ganze 27 Seiten umfasst das motivierte Urteil des Bezirksgerichts
Kulm.

Detailiertes Urteil im PDF

 

Das Gericht befand die Total erfassten erfolgreichen Sendungen während 2 1/2 Jahren 'ein starkes Stück'. Interessant ist
auch die Relation des Gerichts, dass wir also keine Störung des 'schweizerischen Alarmsystems' darstellten, da unsere
Frequenz von keinem anderen offiziellen Sender benutzt wurde.

Ich habe in dieser Zeit als 'Rädelsführer' enorm viel gelernt und möchte diese Zeit nicht missen. Heute ist vieles anders -
und doch vielleicht wieder gleich. Heute dürfen wir Dieses, dafür Anderes nicht mehr. Der Kreislauf ist geschlossen.

danke fürs Lesen
Heinz Richner

 


Die nachfolgenden Audio sind Originale, die genauso Live gesendet wurden

 

Radio Jamaica - Sendung vom 06.09.1981 Part 1

 

Radio Jamaica - Sendung vom 06.09.1981 Part 2

 

Radio Jamaica - Sendung vom 25.10.1981 Part 1

 

Radio Jamaica - Sendung vom 25.10.1981 Part 2

 

Radio Jamaica - Jingle

 

durch anklicken des Links neben dem Player, können die Dateien heruntergeladen werden.


 

Bericht über Piraten-Radioscene von Karin Steiner

 

Bericht SRF-Regional-Journal Aargau-Solothurn, Marco Jaggi

 

 

 

Kommentare

Bewertung:
4.00 aus 5
0
Till
2 monate vor
damals war ja das Argument, dass man die UKW-Frequenz nicht benützden dürfe, dadurch würde die Sicherheit der Schweiz gefährdet. Der Staat sei darauf angewiesen, seine Durchsagen in Krisenzeiten ungestört verbreiten zu können.
Nun ist geplant, UKW abzuschalten. :o 8)
Like Gefällt mir
Zitieren

Kommentar schreiben

Deine Bewertung:

Senden